Weihnachtsschwerter
Dezember 20, 2008
Ein kleines Wörtchen schlummert sanft und leise vor sich hin.
Kommt ab und zu und dann und wann so manchen in den Sinn.
- Oh ja, wie wahr. -
Doch alle Jahre im Advent, da hat es Hochseason.
Kein Kind, das dieses Wort nicht kennt und immerzu träumt davon:
- Noch wahrer – verdammte Weihnachten. -
Bald, bald, bald…
*klick*
Ja, bald. Bald ist dieser Unsinn vorrüber. Bald, bald, bald… Klasse, jetzt hab ich nen Ohrwurm.
Aber es ist doch so. Von allen Seiten wird man jetzt mit „Fröhliche Weihnachten“ – Stimmung und „Habt euch alle lieb!“ bedrängt. Meistens geht es ja schon Anfang November los, aber bis Dezember kann man es noch gut ignorieren. Aber dann: Da werden die Schaufenster mit Deko überladen, da gib’s Glühwein, da dröhnt „Jingle Bells“ und an der Ecke vermischen sich die Klänge von „Santa Claus is coming“ mit „Stille Nacht, heilige Nacht“.
Selbst in der Schule: „Mon beau sapin“ dröhnt es aus der H204, „White Christmas“ wird im Musikraum geschmettert, „Rudolf, the rednose rendier“ trällern die Kleinen in 301 und „Adeste, fideles“ haben die Latiner in H315 auf den Lippen.
Im Physikunterricht wird überlegt, warum die Autos auf den vereisten Straßen rutschen, in Chemie werden die Alkane in Kerzen unter die Lupe genommen und in Russisch Kochrezepte übermittelt. In Deutsch spielen die Kriegsgeschichten im kalten Winter oder unter kargen Weihnachtsbäumen und in Politik erzählt unser Lehrer vom Plastikspielzeug aus China, dass er seinen Kindern schenken wird und wie das die deutsche Wirtschaft beeinflusst.
Übertreibe ich jetzt? Ja, tue ich gewaltig. Macht nichts, ich habe schlechte Laune. Ist ja auch kein Wunder. Überall dieser Trubel, diese übertrieben herzliche Freundlichkeit und wie lieb sich plötzlich alle scheinbar haben. Überall Dekochaos, weil man ja auch nach außen zeigen muss, dass Dezember ist. Könnte schließlich jemand noch nicht mitbekommen haben, dass es auf Weihnachten zugeht.
Mir reicht mein Engel an der Scheibe, der Schwippbogen im Wohnzimmerfenster und ein Weihnachtsbaum. Zur Not noch die Sternschnuppe im Küchenfenster, die Tannengirlande am Treppengeländer und die Abziehfensterbildchen im Bad. Aber meine Mutter ist Floristin und kann so viele tolle Dinge mehr machen. Sieht ja wirklich schön aus: Adventsgestecke und Lichtersträuße und Fensterbäumchen mit Licht und Kerzenhalter mit Glittersternchen und Vogelfuttertöpfe mit Schneeeffekt und Deckchen mit Goldrand und Bilder mit dickbäuchigen 3-D-Engeln und gehäkelte Glöckchentreppenanhänger… wunderhübsche Dinge – aber alle auf einmal?
In dieser Zeit empfinde ich es als wahren Segen, dass ich zwei linke Hände habe. Sonst müsste ich wahrscheinlich mithäkeln und kleben und sprühen und stecken und streuen und… Wiederhole ich mich?
Na ja… eigentlich ist es ja nicht Weihnachten an sich, was mir so auf den Wecker geht. Ich mag das eigentlich. Wenn die Luft nach Schnee riecht und die Kälte in die Wangen zwickt. Wenn die Wege so glatt sind, dass man auf ihnen Schlittern kann. Mit dem Schlitten den Rodelberg lang hinunter. Eine wilde Schneeballschlacht. Ein Schneemann im Garten und eine Schneehöhle daneben. Im tiefen Pulverschnee eine Kabbelei mit dem Hund. Das Kribbeln, wenn man durchgefroren aus den nassen Sachen hinauskommt und sich mit heißem Kakao an der Heizung wärmt, während man hinter der Couch liegt und die Fernsehzeitung studiert, die Opa gerade sucht. Oder wenn man sich in eine Decke eingekuschelt hat, ein zwei Stubentiger auf dem Schoß und an der Seite, ein spannendes Buch und frische Plätzchen – vielleicht sogar noch ofenwarm – und kühle Milch. Ja, so lässt sich die dunkle Jahreszeit überleben.
Aber so ist es leider selten. Ich zeige dir meine Vorweihnachten.
Irgendwie schaffe ich es im Winter immer nur ganz knapp zum Unterricht. Manchmal etwas zu knapp, so kurz nach dem Klingeln. Ist ja auch egal. Interessiert sowieso keinen. Es ist ja nun nicht so, als würde morgens jemand auf mich warten um mit mir zu reden oder zu fragen wie mein Wochenende war. Ich sitze allein, habe zwei Tische manchmal die ganze Reihe für mich. Außer in Mathe. Aber meine Banknachbarin, die Anfang des Jahres noch auf meine Gesellschaft drängte, hat ja ihre Freundin neben sich. Außerdem ist es wohl mittlerweile egal, weil unser Mathelehrer zu Tests in die Aula geht. Es ist nur eine Vermutung, aber böse Gedanken haften gern. Und Stille gibt ihnen Futter. Reden ist eben nicht. Pech. Na ja, jedenfalls werde ich dann an solchen Morgenden mit einem genervten Blick à la „Kannst du eigentlich nie pünktlich kommen?“ begrüßt. Das ist dann der erste Moment des Tages, an dem ich mir einen Mitschüler als Sokars Spielzeug auf Netu vorstelle. Ich sage nichts, lächle nur bei diesem Bild.
Bis zur Turnhalle brauche ich mit dem Fahrrad höchstens zwei Minuten. Aber warum soll ich mich beeilen? Es interessiert keinen, was ich am Wochenende gemacht habe. Und mich interessiert es nicht, wie kalt es in welcher Ecke der Tanzscheune war und was für Sachen sich die Blonde aus dem Bio-Kurs wo gekauft hat.
Ich laufe lieber, sehe mir die Umgebung an. Zwei Straßen voller Geschichten. Es dauert so etwas, aber sie sind schön. Komm mit. Ich zeige sie dir.
Erst kommt die rote Backsteinmauer. An einem Stück ist sie seit diesem Sommer stark eingefallen. Ich weiß nicht genau warum, aber in meinem Kopf hatte ein Gleiter Orientierungsprobleme. Vermutlich ist in Wirklichkeit bei den Bauarbeiten an der Straßenpflasterung ein Wagen dagegengefahren. Aber mir gefällt die Vorstellung besser, dass ein Todesgleiter im Tiefflug zu spät hochgezogen hat. Oder dass Heru’ur lieber freien Blick auf das Storchennest auf dem Schornstein hinter dem gegenüberliegenden Grundstück haben wollte, wenn er an den Blümchen im Beet an der Mauer schnuppert.
Auf der gegenüberliegenden Seite ist ein Garten mit einem mitelgroßen Fischteich. In diesem Teich leben äußerst durstige, bissige Fische, die sehr hoch springen können. Warum sonst sollte der Teich mit drei feinmaschigen Netzen überspannt und von einem Zäunchen umgeben sein. Außerdem ist ein Schlauch drin, der ständig Wasser zufließen lässt. Diese Fische trinken nämlich auch Anfang Dezember viel… Oder sind es sogar gar keine Fische, sondern Goa’uld-Larven? Diesen Gedanken hatte ich noch gar nicht. Aber so machen diese Sicherheitsvorkehrungen natürlich weitaus mehr Sinn. Denn um Katzen abzuhalten reicht ja eigentlich ein Netz. Aber um wirthungrige Symbionten zusammen zu halten… Ich denke, zukünftig benutze ich die andere Gehwegseite.
Dort hat man nach der Mauer nun Sicht auf den Mühlgraben, der den botanischen Garten umgibt. In diesem Graben ist vor ungefähr vierzig Jahren ein kleines Mädchen ertrunken. Diese Geschichte entspringt mal nicht meiner „dunklen Ader“, sondern geschah wirklich. Das Kind hatte gerade erst Laufen gelernt. Ich würde gern mal ein Bild der Kleinen sehen, aber danach zu fragen wäre wohl ziemlich daneben.
Diese Gedanken beschäftigen mich in der Kurve, danach zieht mich der Wunderstein in seinen Bann. Dieses Denkmal mag ich sehr. „Wer dreimal diesen Stein umwallt, wird über hundert Jahre alt.“, steht auf der Vorderseite. Wie oft Apophis wohl um dieses Objekt „gewallt“ sein müsste? Im Kopf rufe ich mir die verschlüsselte Botschaft auf der Rückseite in Erinnerung und diese beschert mir ein Lächeln bis zum Bahndamm. Doch, der Wunderstein ist wirklich was Schönes.
Der letzte Abschnitt ist der Weg vom Bahndamm zum Sportplatz. Am Bahndamm steht ein Andreaskreuz. „An der Linie anhalten, horchen, ob ein Zug kommt, dann weiterfahren.“ Fahrschulregel. Der Bahndamm ist seit Jahren stillgelegt. Wie funktioniert das eigentlich im Weltraum? Ich meine, es gibt sicher kein Schild mit der Aufschrift: „Stopp, Sackgasse. Hier ist das Weltall zu Ende.“ Aber irgendwelche Regeln müssen die doch haben. Ich meine, wenn sich da so zwei Mutterschiffe auf Kollisionskurs befinden, wer muss ausweichen? Gilt da auch rechts vor links? Oder eher „Ich hab die höhere Feuerkraft, also schieb deine Pyramide aus den Weg, sonst haben wir eine neue Ruine!“? Und bei Mutterschiff versus Teltak? Wenn so ein Schiff das Teltak streift, das gerade seine Tarnschilde aktiv hat, muss der Halter dieses Mutterschiffes dann für den Schaden aufkommen? Punkte in Flensburg werden die kaum kriegen… Vielleicht Punkte auf Vorash bei den Tok’ra. Aber wer wacht darüber – die Star-Sheriffs? Die Tok’ra haben schließlich genug zu tun, die können sich nicht noch um alkoholisierte (mondscheinisierte?) Goa’uld am Steuer und Jaffa im Geschwindigkeitsrausch kümmern.
Sportunterricht ist okay. Wir haben eine ungerade Anzahl an Schülern. Na ja, man kann den Volleyball ja auch allein übers Netz befördern. Knallt sowieso meistens dagegen und kullert zurück. Oder eben gegen die Wand gegenüber, wenn ich richtig in Stimmung bin. Wenn ich da Glück habe auch mal gegen einen Mitschüler. Aber wenn der Ball von der Wand abprallt, kommt er eher zurück, als wenn er von einem Mitschüler abprallt. Vielleicht zu wenig Widerstand. Wer weiß. Wenn ich nicht so richtig Lust zum Sport habe, mache ich ein kleines Spiel im Kopf. Schließlich zählt Mitarbeit hoch rein. Also bin ich dann nicht mehr Xavi, dann bin ich ein Offizier beim Fitnesstraining für einen Spezialeinsatz. Na hey, nicht lachen! Denkst du etwa, ein SG-Team bekommt seine Kondition mit Popcorn, Chips und Cola auf der Couch vor dem Fernseher? Und die wachsamen Augen meiner Kommandantin spornen mich an.
Wenn wir richtig gejagt werden, dann halte ich auf diese Art locker durch.
Beim anschließenden Umziehen halte ich mich nicht so lange auf. Ich mag die Gespräche nicht, die es da immer gibt. „In welche Disko fahren wir dieses Wochenende? Nimmst du deinen Kerl mit? Gehst du auf den Weihnachtsmarkt? Wer kommt alles von unseren Leuten? Wo treffen wir uns?“ etc. etc. etc. Hallo? Bitte einen Massentransport nach Netu!
Es ist ja nicht so, dass ich unbedingt mit auf den Weihnachtsmarkt wollte. Nein, und ich mag auch gar keine Disko. Aber es ist doch leicht frustrierend, weil mir dann mein eigener gewohnter Wochenendablaufplan einfällt. Und ich dieses merkwürdige Gefühl habe einen Umhang zu tragen, der unsichtbar macht.
Zurück zur Schule ist weniger Zeit, aber sie reicht für ein paar Ideen.
Die alte Villa im botanischen Garten… Man könnte SG-1 ja mal in einem richtigen Schloss oder eben in so einer Villa auf Erkundungstour gehen lassen. Man muss sie ja nicht immer in die Pampa jagen. Oh ja… Danny entdeckt eine Galerie, wobei er natürlich Raum, Zeit und seine Teamkameraden vergisst. Jack und Teal’c untersuchen unterdessen die Küche, wobei Jack in der Speisekammer über eine Geheimtür stolpert, die sich auch prompt hinter ihm schließt. Und Sam… die Tok’ra sind natürlich schon vorher dort eingetroffen und haben ein Lager aufgeschlagen, von dem sie den Tau’ri nichts gesagt haben. Und während Jacob/Selmak nun den Salon heizt, damit man am Abend mit den überraschenden Gästen zusammen sitzen kann und die Gästezimmer für seine Tochter und ihr Team vorbereitet, kommen sich eben jene Tochter und sein Begleiter, ein charmanter Tok’ra namens – Na? Wer wohl? Richtig – Martouf/Lantash in der Bibliothek beim Schein der flackernden Petroleumlampen näher. Sie kommen sich näher und – wieso muss mir eigentlich jede Woche zur selben Zeit an der selben Stelle der Straße immer irgendein Autofahrer fast die Füße oder den Hintern abfahren?
„Hey. Ich hab übrigens die Fotos von der Convention mit.“, teile ich meiner Mitschülerin mit, die auch Stargate schaut. Sie sieht mich an, hat es eindeutig verstanden, reagiert aber nicht. Na gut, dann eben nicht. Schon wieder dieser „Du kleines unruhiges Etwas nervst, verschwinde!“- Blick. Ich geh auf meinen Platz, packe aus. Geh dann noch mal zu ihren Tisch zurück. Eine weitere Mitschülerin kommt fröhlich jauchzend auf den Tisch und die Banknachbarin meiner todesblickwerfenden Confotosignoriererin zugeschossen. „Hi, am … *grübelt* 31. Dezember ist Party in meinem kleinen Keller.“ Ach, sie macht also Silvesterparty. Schön. Ich geh wieder auf meinen Platz, bevor sie mir noch auf die Füße springt. Fällt ja gar nicht auf, ob ich nun da stehe oder nicht. Mein geliebter kleiner FF-Block… Ich muss jetzt unbedingt was abschießen. Ich glaube, eine Goa’uld mit einem bestimmten verdrehten Mädchennamen wird gleich auf tragische Weise in einem Feuergefecht ums Leben kommen. Durch die Hand einer Tok’rawirtin, versteht sich. Julie braucht endlich was zu tun. Bevor ihre reale Personifizierung ausflippt.
Theater. Ich mag Theater. Ich bin zwar untalentiert darin, aber was soll’s. Wir bereiten uns auf einen Auftritt in Cottbus im Februar und die Theaterabende im März vor. Das Stück ist noch am Entstehen. Es geht um Gewalt und Einsamkeit. Ich finde unsere Szenen bis jetzt ganz gut, weil nicht so moralisch der Zeigefinger erhoben wird nach dem Motto: „Aber, aber, nicht hauen.“ Nein, im Gegenteil. Es wird nichts dazu gesagt, es wird einfach gezeigt. Verbale und körperliche Gewalt. Ich bin bei der Einsamkeit dabei. Die meiste Zeit liege ich einfach nur reglos auf dem Boden herum. Ich denke, ich kann das sehr überzeugend… daliegen und nichts tun. Etwas aufgesetzt finde ich es schon, wer da die große Einsamkeit darstellt. Ausgerechnet die Mädchen, die am meisten der Bussi-Bussi-alles-gut-Szene verhaftet sind. Ich denke, deren schlimmste Erfahrungen bestehen aus Nächten mit zu viel Alkohol, schlechtem Sex mit Kerl Nummer irgendwas und dem Tod eines nahen Verwandten. Die sind nicht wirklich einsam. Nicht richtig, nicht lange. Nicht aus schweren Gründen. Ich meine, ich habe Leute gesehen, denen es richtig dreckig ging.
Und unser Lehrer redet, wir wüssten gar nicht, was das bedeutet. Ob wir hier in der Schule oder im näheren Umfeld Freunde hätten, denen wir wirklich unsere ängste erzählen können.
Jemand argumentiert, ob er uns unbedingt an Freundschaft zweifeln lassen will. Das sei Unsinn, hier gäbe es echte Freundschaft.
Ich muss an das SG-Sommerlager in Oberdreis bei Koblenz denken. Wie ich da zwischen Kuscheln und nicht-angefasst-werden hin und hergerissen war. Kampfspiele lernte, bei denen man darauf vertrauen musste, dass der andere stoppt, bevor man die Stabwaffe im Gesicht hatte. Und darauf vertrauen konnte. Darauf vertrauen konnte, dass jemand kam, wenn man sich die Hand, den Fuß, was auch immer verletzte. Dass jemand kam, der pustete, ein Pflaster draufklebte und sagte, es sei nicht so schlimm. Man sah es zwar selbst, aber jemand anders sorgte für einen.
Ich muss an dieses Halloween denken, als ich meine Bekannte abholen wollte, sie aber verzogen war. Als ich danach zu der Verabredung mit einer anderen Bekannten gehen wollte, die aber ihren Freund in Halle besucht hat. Natürlich wurde mir weder vorher abgesagt noch die andere Adresse mitgeteilt.
Ich muss an die Ritterspiele in Satzvey bei Köln denken. Wie ich da einfach in den Arm genommen wurde, ohne Fragen, ohne Absichten. Einfach so. Wie ich stundenlang abwechselnd mit vier Leuten kuschelte, die es wahrscheinlich einfach nur taten, weil es sich gut anfühlte. Wie ich einschlief, während mir eine Hand sanft den Rücken kraulte. Wie man mich beim Abschied einfach nur festhielt, während meine Tränen den Pullover meines Umarmers so langsam klitschnass werden ließen.
Ich muss an eine Bekannte denken. Als es ihr schlecht ging, war ich immer sprungbereit. Wenn sie abends um zehn anrief, da habe ich halt noch mal was übergezogen und bin zu ihr rausgegangen. Und wenn es Sauwetter war. Und wenn ich eigentlich einen Film sehen wollte. Ich bin rausgegangen, habe ihr zugehört, habe mir den Hintern abgefroren und war einfach da. Ich habe mit ihr Biologie gepaukt. Habe versucht ihr Genetik zu erklären, obwohl ich das Thema selbst hasste und froh war das Fach abgewählt haben zu können. Ich habe ihr auch zugehört, als sie glücklich war, weil es mit ihrer Ausbildungsstelle geklappt hat. Wie sie von der Behördenodysee erzählte. Von den Freunden ihrer alten Klasse, was die so machen. Wen sie so getroffen hat. Ich habe ihren Brief noch, den sie mir geschrieben hat, nachdem ich nach Satzvey fuhr statt eventuell mit ihr einkaufen zu gehen. Sie weiß, dass ich diesen Einkaufstouren nichts abgewinnen kann. Ich habe den Brief noch, in dem steht, wie fanatisch ich bin. Das Stargate eine Sekte ist, in deren Bann ich geraten bin. Dass ich bestimmt bald von zu Hause abhauen werde um mich komplett dieses Irren zu verschreiben. Dass ich gefälligst auch für sie da sein soll, wenn es ihr gut geht. Und nicht zu Leuten zu reisen von denen ich vielleicht glaube, dass sie meine Freunde seien.
Ich muss an die Convention in Bensheim denken, als mich fast der Mut verließ und ich nicht allein auf die Bühne musste, weil sich jemand fand, der mitkam. Wie ich nur einmal fragen musste und schon half mir jemand meine Haare festzustecken. Wie mich auch da keiner komisch ansah, nur weil ich mal in den Arm genommen werden wollte, als ich mich nicht wohl fühlte. Da wurde nicht entsetzt geguckt, da wurde einfach gedrückt.
Ich muss an das Telefon denken, was seit einiger Zeit jeden Sonntag klingelt. Wie sehr ich mich schon daran gewöhnt habe. Wie sehr ich mich auf diese zwei drei manchmal auch vier eigentlich völlig sinnlosen Stunden in der Woche freue. Wie sehr ich mich auf diese Stimme freue. Sie liest mir oft vor. Etwas, was ich sehr mag. Es ist mir egal, was vorgelesen wird und wenn es die Bibel wäre. Einfach nur ein zwei Stunden auf eine Stimme lauschen, die sich Zeit nimmt. Zeit ganz allein für mich. Es ist nichts mehr wichtig dann. Die Welt darum ist weg. Es gibt nur noch die Stimme und die Dinge, von der sie erzählt. Dann bin ich mitten im Feuergefecht, im Weltraum, in Ägypten, in der Zukunft oder der Vergangenheit. Es ist egal. Es geht nur um mich und diese Stimme und den Klang der Worte, die mich entführen.
Den Rest der Stunde habe ich auf dem Mädchenklo verbracht.
Jetzt ist die Frage, was das Ganze mit Weihnachten zu tun hat. Schließlich kann das genau so gut an jeden anderen Tag im Jahr passieren. Ja, stimmt. Es passiert auch an jedem anderen Tag. Aber Weihnachten sagen alle: „Habt euch lieb.“ Nächstenliebe, Geschwisterliebe… kein Streit, Ehrlichkeit, Freundschaft, Vertrauen, Familie…
Diese Dinge werden in der Weihnachtszeit angepriesen wie Softeis bei 30°C am Strand.
Ich weiß nicht, ob es diese Dinge gibt. Vielleicht gab es sie mal, aber wir haben ihren Sinn verlernt. An Weihnachten ist dieses übertriebene Spiel von Freundlichkeit noch extremer. Die Herzen werden weich, aber nicht offen. Es waren noch mehr Illusionen gebaut, die noch schneller einstürzen als normale rosa Wolken. Diese Illusionen verpuffen nicht, sie stürzen zusammen und erschlagen einen fast mit ihren Bruchteilen. Die Zeit, in der die Menschen liebevoll miteinander umgehen sollen, in dieser Zeit sind die Klingen der alltäglichen Schwerter noch schärfer. Sie sind mit Samt und Deko verhüllt, aber sie sind noch schärfer als gewöhnlich.
Und was jetzt? Wir haben Weihnachten, meine Geschichte sollte wohl ein Happy End haben. Aber wäre das nicht genau so eine wacklige Illusion?
Ich weiß es nicht.
written by Xaveria, Dezember 2003
Abrechnung
Dezember 10, 2008
Ich werde hier abrechnen.
Eigentlich ist abrechnen nicht das richtige Wort. Es klingt so aggressiv.
Aber es tut mehr als Not.
Ich stelle wieder einmal fest, wie unglaublich die Menschen sind.
Und ja, ich habe den Satz in letzter Zeit oft gehört. Ich spreche von den Menschen, als würde ich nicht dazu gehören. Und ehrlich, zu dieser speziellen Art will ich mich absolut nicht zählen.
Ich bin… enttäuscht. … Aber auch geweckt und bestätigt. Und wütend.
Wütend über Dummheit und nicht nachvollziehbare Handlungen. Dummheit regt mich auf.
Wütend über Schwäche und mangelndes Rückgrat. Feigheit regt mich auf.
Eins nach dem anderen, in verschiedenen Posts.
Ach ja, wer mich sieht und hört, ja ich lache und habe gute Laune. Ich genieße mein Leben im Moment. Wut regt an, belebt. Und Dummheit ärgert nicht nur, sie amüsiert auch. Enttäuschung klärt auf und sortiert. Ordnung tut gut.
Ich fühle mich gewachsen.
Und ich bin stolz.
Wie eh und je und vielleicht sogar mehr denn je.